Onkel Friedrich erzählt

Die Nichte aus der Apotheke

Onkel Friedrich erzählt

Manchmal, wenn ich mit Hektor in die Stadt fahre, gehen wir zielstrebig in eine Apotheke – nicht irgendeine Apotheke und nicht weil ich etwas brauche, behüte!, sondern weil wir dort jemanden kennen.

Ich betrete die Apotheke wie ein Mann, der nicht sicher ist, ob er etwas braucht, aber fest entschlossen, es herauszufinden.
Die Tür klingelt leise.

Clara, meine Nichte

Hinter dem Regal mit den Magnesiumpräparaten hebt eine junge Frau den Blick. Meine Nichte, Clara. Sie ist ein wundervoller Mensch mit Herz, Geduld und Familienrespekt. Und trotz ihrem zugegebenermassen breiten Fachwissen aus der Schulmedizin ist sie offen für alles, was nötigenfalls Heilung verspricht und sucht sogar Wege abseits der oft vorschnell verschriebenen Chemikalien.

Sie hat das gut gemacht, würde ich sagen.

Die Drogerie in der Agglomeration war ihr nicht genug. Mit ihrer Apotheke kann sie nun alles abdecken – auch rezeptpflichtige Sachen, die sie eigentlich weniger mag – und sie sicherte sich so ganz nebenbei einen nicht endenden Kundenstrom – was sie natürlich sehr mag. 😉

Freundlich wie ein Sonntagmorgen, bildhübsch wie ein Sonnenaufgang im Frühling, aufmerksam wie ein Eichhörnchen vor dem Winter und mit genau diesem ruhigen Blick, den man in der Familie offenbar vererbt bekommt, empfängt Clara ihre Kundschaft.
Es heisst, einige kommen nur wegen ihr und ihrer Vergangenheit. Clara hat in ganz jungen Jahren nämlich erfolgreich gemodelt um sich ihr Studium, ihr Motorrad und später diese Apotheke zu finanzieren. Davon erzählt ein grosses Fotoposter in der Ecke hinter dem Tresen.

Handschrift

Mich empfängt sie stets besonders gerne. Nicht nur, weil ich mich selbst in der Branche gut auskenne, sondern auch, weil ich wohl ihr Lieblingsonkel bin. Und natürlich weil ich immer in Begleitung von Hektor komme.

„Onkel“, sagt sie dann gelegentlich, „du brauchst keine drei Tinkturen gegen Müdigkeit. Schlaf reicht.“
Ich nicke dann ernst.
Kaufe trotzdem alle möglichen Tinkturen.
Und schlafe später trotzdem ein – im Lehnstuhl. Oft noch das Kräuterbuch auf dem Schoss und den Hut auf dem Kopf.

Randbemerkung:
Ein guter Rat aus der Familie wirkt stärker als jede Medizin.
Nur anwenden muss man ihn selber.

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