Manchmal ist Wasser einfach Wasser.
Und manchmal hat es eine Marketingabteilung.
Wenn Leitungswasser plötzlich Lifestyle wird

Hektor hat wieder einmal etwas erschnüffelt.
Es ist klein, bunt, hübsch verpackt und kostet ungefähr einen Franken. Man wirft es in einen halben Liter Wasser, wartet kurz – und schon hat man aus gewöhnlichem Leitungswasser ein Getränk mit Geschmack, Vitaminen und einem Hauch Lifestyle gemacht. Waterdrop.
Ich betrachtete den kleinen Würfel durch meine Brille.
« Und was genau kann der?»
Nun ja. Er löst sich auf.
Das ist zunächst einmal zweifellos eine Fähigkeit.
Wasser war offenbar zu langweilig
Die Grundidee von Waterdrop ist durchaus clever: Viele Menschen trinken zu wenig Wasser, weil ihnen Wasser schlicht zu langweilig schmeckt.
Also bekommt es Geschmack. Geschmack von Teesorten, Cola, Zitrone, ja sogar Ricola Schweizer Kräuterzucker.
Je nach Sorte stecken in den sogenannten Microdrinks unter anderem Frucht- und Pflanzenextrakte, Aromen, Säuerungsmittel, Vitamine und Süssungsmittel wie Stevia oder Sucralose. Zucker enthalten die normalen Varianten praktisch keinen.
Das Ergebnis hat nur wenige Kalorien.
Und wenn jemand dadurch statt einem halben Liter Cola einen halben Liter aromatisiertes Wasser trinkt?
Dann hat der kleine Würfel tatsächlich etwas Gutes bewirkt.
Das darf man ihm lassen.
Aber ist das nun gesund?
Hier wird es etwas weniger spektakulär.
Die zugesetzten Vitamine sehen auf der Verpackung prächtig aus. Vitamin C! B6! B12!
Nur: Wer sich halbwegs ausgewogen ernährt, muss normalerweise nicht dringend sein Trinkwasser vitaminisieren. Aus Wasser wird durch einen Vitaminzusatz jedenfalls kein Zaubertrank.
Und «mit natürlichen Frucht- und Pflanzenextrakten» bedeutet ebenfalls nicht, dass jemand hinter der Fabrik liebevoll Johannisbeeren in die Würfel presst. Es bleibt ein industriell hergestelltes aromatisiertes Getränk.
Das ist nicht schlimm. Aber eben auch kein Gesundheitswunder.
Ich zückte den Taschenrechner
Ein Würfel kostet ungefähr einen Franken und ergibt rund einen halben Liter Getränk.
Macht summa-summarum: 2 Franken pro Liter.
Für Wasser, das man selber mitbringt.
Bei zwei Würfeln am Tag sind wir bei ungefähr: CHF 60 im Monat.
Oder: CHF 730 im Jahr.
Jetzt nahm ich die Brille ab. Hektor setzte sich daneben.
Wir schwiegen beide kurz. Ich atmete tief durch.
Für 730 Franken kann man erstaunlich viel Pfefferminztee kaufen.
Sehr viel.
Was steckt also wirklich im Würfel?
Natürlich Zutaten. Natürliche Zutaten? Manche vielleicht schon.
Aber man bezahlt nicht nur diese. Man bezahlt die Idee. Die Einzelportion. Die Verpackung. Die Entwicklung. Den Vertrieb. Das Marketing. Die hübschen Packungen. Die Marke.
Und vor allem bezahlt man für ein ziemlich raffiniertes Versprechen:
Trink Wasser – aber fühl dich dabei nicht so, als würdest du einfach Wasser trinken.
Das ist wahrscheinlich die eigentliche Erfindung.
Waterdrop verkauft weniger ein Getränk als eine kleine tägliche Zeremonie.
Würfel auspacken. – Plopp. – Sprudeln lassen. – Flasche schütteln. – Lifestyle trinken.
Marketing kann wunderschön sein.
Trotzdem: Hektor hebt die Pfote nicht ganz
Denn es wäre unfair, Waterdrop einfach als Unsinn abzutun. Wer bisher täglich gezuckerte Limonaden, Eistee oder andere Süssgetränke trinkt und mit Waterdrop davon wegkommt, hat wahrscheinlich einen ziemlich vernünftigen Tausch gemacht.
Wenig Kalorien. Kein Zucker. Geschmack. Und vielleicht tatsächlich mehr Wasser über den Tag.
Dafür kann ein Franken gut investiert sein.
Wer dagegen ohnehin gerne Wasser, Mineralwasser oder ungesüssten Tee trinkt, braucht den Würfel gesundheitlich ungefähr so dringend wie Hektor einen Trinkhalm.
Fazit Defizit?
Waterdrop ist weder Schwindel noch Wunder.
Es ist eine clever vermarktete Methode, Wasser interessanter zu machen.
Wer dadurch mehr Wasser und weniger Süssgetränke trinkt: Daumen hoch.
Wer glaubt, seinem Körper mit jedem Würfel eine kleine Wellnessbehandlung aus Früchten, Pflanzen und Vitaminen zu spendieren:
Brille putzen und nochmals auf die Zutatenliste schauen.
Und wer täglich zwei davon nimmt, darf sich Ende Jahr zumindest bewusst sein:
Er hat nicht nur Wasser getrunken.
Er hat für rund 730 Franken Leitungswasser veredelt.
Ich setzte die Brille wieder auf. – »Hektor?«
Hektor schnupperte am Wassernapf. Lappte.
Kostenpunkt seines Geschmacksverstärkers: 0 Franken.