Onkel Friedrich hatte gerade den Teebeutel aus der Tasse gefischt, als Clara mit ihrer Lupe erschien.
Das ist selten ein gutes Zeichen.

«Weisst du eigentlich, was da möglicherweise gerade in deinem Tee schwimmt?» fragte sie. Ich sah in die Tasse, die vor mir dampfte. «Pfefferminze, hoffe ich.»
Hektor hob kurz den Kopf. Pfefferminze war nicht sein Ressort.
Clara hingegen hatte gelesen. Milliarden Teilchen in einer Tasse?
Die Geschichte klingt zunächst wenig bekömmlich.
Wissenschaftler beschäftigen sich schon seit einigen Jahren mit der Frage, ob Teebeutel beim Aufbrühen Mikro- und Nanoplastik abgeben. Und eine 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit hat das Thema erneut auf den Tisch gebracht.
Die Forscher werteten 19 Untersuchungen aus. Ihr Ergebnis: Besonders Teebeutel, die Kunststoffe wie Polypropylen oder Nylon enthalten, können beim Kontakt mit heissem Wasser Mikro- und Nanopartikel abgeben. Material, Temperatur, Ziehdauer und sogar Bewegung des Beutels spielen dabei eine Rolle.
In einzelnen Untersuchungen ist von Milliarden Partikeln pro Teebeutel die Rede.
Milliarden!
Ich stellte die Tasse vorsichtshalber wieder ab.
Doch genau hier kam Clara ins Spiel.
🔎 Clara hat nachgesehen
Denn mit diesen Milliarden gibt es ein Problem.
Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung, kurz BfR, hat sich eine besonders häufig zitierte Studie genauer angesehen. Diese hatte 2019 für einen einzigen Kunststoff-Teebeutel unter anderem rund 2,3 Millionen Mikroplastikpartikel über einem Mikrometer angegeben.
Das BfR wiederholte Untersuchungen mit einer anderen Messmethode – und kam auf lediglich etwa 5’800 bis 20’400 solcher Partikel pro Beutel.
Immer noch keine Zahl, die man unbedingt als Gewürz in seinem Tee haben möchte. Aber eben auch keine 2,3 Millionen.
Nach Einschätzung des BfR waren die ursprünglichen Werte wahrscheinlich um zwei bis drei Grössenordnungen zu hoch. Ein Teil dessen, was als Mikroplastik gezählt worden war, dürfte zudem aus anderen Stoffen bestanden haben.
Und noch etwas ist interessant: Die vom BfR gefundenen Kunststoffpartikel scheinen nicht unbedingt erst beim Aufbrühen aus dem Beutel herausgebrochen zu sein. Sie könnten bereits vorher auf dessen Oberfläche gelegen haben und vom heissen Wasser lediglich abgewaschen worden sein.
Das ist wissenschaftlich ein ziemlich grosser Unterschied.
In der Schlagzeile allerdings ein eher kleiner.
Ist mein Tee nun gefährlich?
Darauf gibt es die wunderbar unbefriedigende wissenschaftliche Antwort:
Das wissen wir noch nicht abschliessend.
Dass Menschen Mikro- und Nanoplastik aufnehmen, ist inzwischen gut belegt. Ebenso wird intensiv untersucht, was diese Partikel im Körper bewirken könnten.
Was daraus aber noch nicht folgt, ist:
Teebeutel machen krank.
Für eine solche Aussage fehlen derzeit ganz einfach belastbare Daten.
Auch das BfR kommt nach heutigem Wissensstand zum Schluss, dass durch die untersuchten Teebeutel keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu erwarten sind.
Das bedeutet wiederum nicht, dass Mikroplastik plötzlich gesund wäre. Es bedeutet lediglich:
Wir können etwas messen, ohne bereits zu wissen, ob die gemessene Menge für den Menschen relevant ist.
Ein Unterschied, der im Internet gelegentlich allzu gerne verloren geht.
Aber warum überhaupt Plastik im Teebeutel?
Das ist vielleicht die interessantere Alltagsfrage. Denn «Teebeutel» bedeutet längst nicht automatisch «Papier». Manche Beutel bestehen teilweise oder vollständig aus Kunststoff. Andere verwenden Kunststofffasern oder Kunststoff zum Versiegeln. Wieder andere werden aus Materialien wie PLA hergestellt, einem biobasierten Kunststoff.
Und selbst Begriffe wie «biologisch abbaubar» oder «kompostierbar» beantworten nicht automatisch die Frage, was beim Aufbrühen bei 90 oder 100 Grad daraus freigesetzt wird.
Die aktuelle Übersichtsarbeit kommt immerhin zu einem recht nachvollziehbaren Befund: Papierbeutel zeigten tendenziell geringere Partikelfreisetzungen als manche kunststoffhaltigen Varianten.
Wer das Thema möglichst elegant umgehen möchte, besitzt allerdings eine Technologie, die bereits vor dem Teebeutel erfunden wurde:
losen Tee.
Tee in die Kanne.
Wasser darauf.
Sieb verwenden.
Erstaunlicherweise funktioniert das noch immer.
Weitertrinken
Ich nahm meine Lieblingsteetasse wieder in die Hand.
Nicht weil Mikroplastik bedeutungslos wäre. Und auch nicht, weil jede Sorge darüber Unsinn wäre. Sondern weil zwischen
«Wir haben Partikel gefunden»
und
«Diese Tasse Tee schadet Ihrer Gesundheit»
eine ziemlich grosse wissenschaftliche Strecke liegt.
Clara findet ja, dass man diese Strecke gehen sollte, bevor man die Schlagzeile schreibt.
Und Hektor findet, man könne zur Sicherheit einfach Wasser trinken.
Ich betrachtete ihn lange. Und schlürfte meinen heissen Pfefferminztee.
Damit war unsere Sitzung beendet.
Was Onkel Friedrich daraus mitnimmt
Wer möglichst wenig Kunststoffkontakt beim Teekochen möchte, kann ohne grosse Verrenkungen losen Tee mit einem wiederverwendbaren Sieb verwenden oder beim Kauf darauf achten, aus welchem Material der Beutel tatsächlich besteht.
Panik ist nach dem heutigen Wissensstand jedenfalls nicht angezeigt. Ein bisschen genauer hinschauen schadet allerdings nicht.
Was ich noch sagen wollte:
Früher war im Teebeutel Tee.
Heute muss man offenbar zuerst das Materialverzeichnis lesen.