Eine Pflanze, die erst am Abend aufsteht, kann nicht grundsätzlich falsch liegen.
Es gibt Pflanzen, die drängen sich einem geradezu auf. Rosen zum Beispiel. Die blühen, duften und erwarten offenbar, dass man gefälligst hinschaut.
Die Nachtkerze macht das anders.
Tagsüber steht sie eher unscheinbar herum. Aber wenn es dämmert, beginnt die Vorstellung. Ihre noch geschlossenen Knospen öffnen sich – mit etwas Glück kann man dabei tatsächlich zusehen. Innerhalb weniger Minuten entfalten sich die gelben Blüten.
Ich finde, das hat Stil.
Hektor übrigens auch. Wobei bei ihm nicht ganz auszuschliessen ist, dass er einfach darauf wartet, ob aus der Pflanze irgendwann etwas Essbares herausfällt.
Eine Bahnlaterne ohne Strom

Die Gemeine Nachtkerze (Oenothera biennis) hat im Laufe der Zeit eine erstaunliche Sammlung von Namen bekommen: Bahnlaterne, gelbe Rapunzel, Nachtblume, Eierblume oder Schinkenwurzel.
Bahnlaterne gefällt mir besonders gut. Sie wächst gerne an Wegrändern, auf Böschungen und entlang von Bahnlinien – und am Abend gehen ihre gelben „Lichter“ an. Schinkenwurzel klingt dagegen nach Metzgerei, hat aber ebenfalls einen Grund: Die Wurzel soll sich beim Kochen rötlich verfärben und dadurch an Schinken erinnern. Und tatsächlich wurde die Nachtkerze früher nicht nur angeschaut.
Wurzeln, Blätter, Blüten und Samen sind essbar. Die Blüten können etwa Salate schmücken, mit Frischkäse gefüllt oder zu Blütenbutter verarbeitet werden.
Bis hierher würde Hektor sagen: interessante Pflanze. Dann wird es komplizierter.
Und nun kommt das Öl
Aus den Samen wird das bekannte Nachtkerzenöl gewonnen. Es enthält unter anderem Gamma-Linolensäure, eine mehrfach ungesättigte Omega-6-Fettsäure.
Ein alter Zeitungsausschnitt, den ich zufällig in meinen Akten fand, wird an dieser Stelle ausgesprochen enthusiastisch. Darin werden Anwendungen bei Neurodermitis, erhöhtem Cholesterin, Multipler Sklerose, Diabetes, Wechseljahresbeschwerden und PMS genannt. Auch bei ADHS, zur Stärkung der Immunabwehr, zum Leberschutz und sogar gegen den Kater nach zu viel Alkohol soll das Öl helfen.
Das ist eine beachtliche Karriere für den Inhalt eines Samenkorns.
Nur: Zwischen traditioneller Anwendung und nachgewiesener Wirkung liegt manchmal ein ziemlich grosser Gartenzaun.
Heute fällt die wissenschaftliche Beurteilung deutlich zurückhaltender aus. Das amerikanische National Center for Complementary and Integrative Health kommt zum Schluss, dass die vorhandenen Erkenntnisse nicht ausreichen, um Nachtkerzenöl für irgendeinen Gesundheitszustand als wirksam zu beurteilen. Auch ausgerechnet bei Neurodermitis – einer der bekanntesten Anwendungen – konnte eine grosse systematische Auswertung keinen überzeugenden Nutzen gegenüber Placebo zeigen.
Das bedeutet nicht, dass jahrhundertealte Erfahrungen wertlos sind. Es bedeutet nur:
„Wird traditionell verwendet“ und „wirkt nachweislich“ sind zwei verschiedene Sätze.
Ich finde, man sollte sie nicht miteinander verwechseln.
Aber die Nachtkerze braucht gar kein Wunder zu sein
Denn während wir darüber diskutieren, was Nachtkerzenöl vielleicht kann und was nicht, macht die Pflanze etwas, das sie ganz zweifellos kann.
Sie wartet auf den Abend.
Dann platzt eine Knospe auf.
Ein gelbes Blütenblatt löst sich.
Dann das nächste.
Und wenige Minuten !! später steht dort eine Blüte, die vorher noch gar nicht da war.
Viel Zeit lässt sie sich damit übrigens nicht. Bereits am folgenden Mittag kann ihre Vorstellung wieder vorbei sein.
Vielleicht ist genau das der schönste Grund, eine Nachtkerze im Garten zu haben.
Nicht wegen Cholesterin.
Nicht wegen PMS.
Nicht wegen eines Katers.
Sondern wegen eines Stuhls an einem warmen Spätsommerabend. Einer Tasse auf dem Tisch.
Eines Hundes, der selbstverständlich wieder alles zuerst bemerkt.
Und einer gelben Blüte, die langsam aufgeht.
Man muss nicht alles schlucken, was einer Pflanze nachgesagt wird.
Manchmal reicht es völlig, daneben zu sitzen.
Kleine Randnotiz: Die ursprüngliche Heimat der Gemeinen Nachtkerze liegt in Nordamerika. Nach Europa kam sie allerdings schon im 17. Jahrhundert und breitete sich hier später stark aus. Heute wirkt sie an vielen Wegrändern so selbstverständlich, als wäre sie schon immer da gewesen.