Das arme Ei

Oder: Wie das Frühstück jahrzehntelang unter Verdacht stand

Noch vor kurzem sass das Frühstücksei beinahe auf der Anklagebank.

„Zu viel Cholesterin!“
„Gefährlich fürs Herz!“
„Lass das Eigelb weg!“

Das arme Ei hatte zeitweise einen Ruf wie ein Kleinkrimineller im Kühlfach.
Dabei sass es vermutlich einfach friedlich neben einem Berg Speck, zwei Scheiben Weissbrot und drei Stück Zucker im Kaffee — und wurde später ganz alleine schuldig gesprochen.

Ich erinnere mich noch gut an jene Jahre, in denen plötzlich alle das Eigelb herauslöffelten wie eine verbotene Substanz. Irgendwann war’s dann einfach nur noch „das Ei“.

„Man hatte beinahe das Gefühl, das Huhn müsse sich entschuldigen.“

Heute sieht vieles etwas anders aus.
Die moderne Forschung sagt nämlich:
Für die meisten Menschen ist das Cholesterin im Ei weit weniger dramatisch als früher angenommen.

Der Körper ist eben keine starre Maschine. Wenn wir Cholesterin über die Nahrung aufnehmen, reguliert er vieles selbst nach. Viel problematischer scheinen oft andere Dinge zu sein:

  • zu viel stark verarbeitete Nahrung
  • dauernd Zucker, Salz, Weissmehl
  • Bewegungsmangel
  • chronischer Stress
  • Rauchen
  • Alkohol
  • schlechte Schlafgewohnheiten

Mit anderen Worten:
Das Frühstücksei allein war vermutlich nie der eigentliche Bösewicht.

Und doch passiert nun etwas Lustiges.
Nachdem das Ei jahrzehntelang verteufelt wurde, wird es heute auf Social Media plötzlich fast wie ein Wundermittel behandelt.

Da heisst es:

  • bessere Haut
  • mehr Energie
  • perfekte Hormone
  • Superhirn
  • ewige Jugend vermutlich ab dem dritten Eigelb

Bei solchen Videos schiebe ich mir die Brille auf die Stirne und lächle:

„Der Mensch schafft es zuverlässig, einfache Lebensmittel entweder zu verteufeln oder zu vergöttern. Dazwischen scheint ihm langweilig zu werden.“

Denn natürlich:
Eier sind tatsächlich sehr wertvoll.

Sie enthalten:

  • hochwertiges Eiweiss
  • Vitamin B12
  • Cholin fürs Gehirn
  • wichtige Mineralstoffe
  • und Stoffe wie Lutein und Zeaxanthin, die sogar den Augen guttun können

Vor allem machen Eier etwas, das heutzutage fast schon selten geworden ist:
Sie sättigen.
Ein einfaches Frühstück mit Ei hält viele Menschen länger ruhig und zufrieden als irgendwelche süssen Frühstücksflocken mit Gesundheitsversprechen auf der Verpackung.

Und wie so oft liegt die Wahrheit vermutlich irgendwo zwischen Panik und Wunderheilung.

Vier Eier täglich machen aus niemandem automatisch einen olympischen Halbgott.
Ein einzelnes Frühstücksei hingegen wird den meisten gesunden Menschen kaum schaden.

Oder wie ich immer augenzwinkernd sage:

„Nicht jedes Eigelb ist ein kleiner Herzinfarkt.“

Vielleicht steckt im Ei sogar noch etwas Grösseres.

Früher assen viele Menschen einfacher.
Nicht perfekt.
Nicht wissenschaftlich optimiert.
Aber oft ruhiger.

Heute analysieren wir manchmal jedes Frühstück wie ein Chemielabor — und vergessen dabei fast, dass Essen auch etwas Gemütliches sein darf.

Hektor versteht das übrigens hervorragend.
Er sitzt morgens jeweils neben dem Tisch, schaut mit grossen Augen zum Frühstücksei hinauf und lebt nach einer sehr einfachen Philosophie:

„Wenn es gut riecht, kann es nicht nur schlecht sein.“

Und ganz ehrlich:
Vielleicht ist an diesem Gedanken mehr dran, als manche Ernährungsgurus wahrhaben möchten.

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