Ich stand im Badezimmer.
Lesebrille auf der Nase.
Shampoo-Flasche in der Hand.
Ich las.
Aqua. Sodium irgendwas. Coco irgendwas. Parfum …
Ich drehte die Flasche um.
Noch mehr irgendwas.
«Immerhin», murmelte ich, «weiss man heute genau, was drin ist.»
In diesem Moment erschien Clara in der Tür.
Sie hatte keinen guten Gesichtsausdruck. Und einen Gaschromatographen dabei.
«Ich lese doch schon», sagte ich.
Clara stellte das Gerät ab.
«Das ist ja das Problem.»
16 Zutaten drauf. 51 Substanzen drin?
Eine im August 2026 veröffentlichte Studie hat 113 ganz gewöhnliche Körperpflege- und Reinigungsprodukte aus den USA im Labor untersucht.
Shampoos, Sonnencrèmes, Lotionen, Seifen, Zahnpasta, Deodorants, Babyprodukte und Haushaltsreiniger. Die Forscher verliessen sich dabei nicht auf die Zutatenliste. Sie verwendeten eine sogenannte nicht zielgerichtete chemische Analyse.
Vereinfacht gesagt:
Man sucht nicht nur nach zehn bestimmten Stoffen.
Man schaut erst einmal, was überhaupt alles da ist.
Das Ergebnis ist bemerkenswert.
Auf den Etiketten standen durchschnittlich etwa 16 Inhaltsstoffe.
Im Labor fanden die Forscher allerdings durchschnittlich 51 chemische Signale beziehungsweise Substanzen.
In 98 Prozent der untersuchten Produkte fand sich mindestens eine chemische Verbindung, die nicht auf dem Etikett aufgeführt war.
Und in 85 Prozent mindestens eine nicht deklarierte Verbindung, der eine bekannte oder vermutete gesundheitliche Gefahreneigenschaft zugeschrieben wird.
Ich stellte die Shampoo-Flasche ab.
«Dann hätte ich mir das Kleingedruckte also sparen können.»
«Noch nicht», sagte Clara.
🔎 Clara hat nachgesehen
Denn jetzt kommt der wichtige Teil.
Gefährlicher Stoff bedeutet nicht automatisch gefährliches Produkt.
Ob uns eine chemische Verbindung tatsächlich schadet, hängt unter anderem davon ab,
wie viel davon vorhanden ist,
wie häufig wir damit in Kontakt kommen,
ob sie über Haut, Atemwege oder Mund aufgenommen wird
und in welcher Dosis.
Die Studie hat also nicht gezeigt, dass 85 Prozent aller Shampoos und Crèmes gesundheitsschädlich sind.
Und schon gar nicht, dass 85 Prozent der Produkte im Schweizer Badezimmer gefährlich wären.
Untersucht wurden 113 Produkte aus dem US-amerikanischen Markt. Sie wurden bereits 2021 beziehungsweise 2022 beschafft und stellen keine repräsentative Stichprobe sämtlicher Kosmetikprodukte dar.
Das ist wichtig. Denn aus
«Wir haben einen Stoff mit problematischen Eigenschaften gefunden»
wird im Internet erstaunlich schnell
«Ihr Shampoo macht Sie krank.»
Diesen Satz gibt die Studie aber gar nicht her.
Leider ist die eigentliche Geschichte auch ohne ihn interessant genug.
«Phthalatfrei.» Mit Phthalat.
Besonders unangenehm wird es nämlich dort, wo Laborbefund und Werbeaussage direkt aufeinanderprallen.
Bei 29 der 113 Produkte – rund 26 Prozent – fanden die Forscher Substanzen, die einer Aussage des Herstellers auf Verpackung oder Webseite widersprachen.
Beispielsweise wurden synthetische Stoffe in Produkten gefunden, die mit «100 % natürlich» beworben wurden.
In anderen Fällen tauchten Stoffe ausgerechnet dort auf, wo ausdrücklich behauptet wurde, sie seien nicht enthalten:
Duftstoffe.
Parabene.
Silikone.
Und auch Phthalate – selbst in Produkten mit der Angabe «phthalatfrei».
Sogar Produkte mit der Bezeichnung «hypoallergen» enthielten teilweise bekannte Allergene oder sensibilisierende Stoffe.
Spätestens hier legte ich die Lesebrille ebenfalls ab.
Betrug?
Auch hier hebt Clara den Finger. Nicht unbedingt.
Ein nicht deklarierter Stoff muss nicht absichtlich hineingemischt worden sein.
Verunreinigungen können bereits aus Rohstoffen stammen. Sie können bei der Herstellung entstehen, aus Produktionsanlagen kommen, während der Lagerung entstehen oder aus der Verpackung ins Produkt gelangen.
Und dann gibt es noch einen weiteren Spezialfall.
Steht auf einer Flasche beispielsweise schlicht «Parfum», kann sich dahinter eine ganze Mischung verschiedener Duftstoffe verbergen.
Das Labor sieht einzelne Moleküle.
Das Etikett sagt: Parfum.
Beides kann gleichzeitig richtig sein.
Deshalb ist auch die schöne Zahl
16 Zutaten auf dem Etikett – 51 Stoffe im Labor
nicht gleichbedeutend mit:
35 Zutaten wurden heimlich verschwiegen.
Das wäre zwar eine ausgezeichnete Schlagzeile.
Aber keine besonders saubere Wissenschaft.
Was soll ich denn nun kaufen?
Das ist der Moment, an dem solche Artikel normalerweise mit zwölf Einkaufstipps enden.
Ich mache es kürzer.
Wer Kosmetik gut verträgt, muss aufgrund dieser einen Studie nicht das Badezimmer räumen.
Wer bestimmte Stoffe wegen einer Allergie oder aus anderen Gründen vermeiden muss, hat dagegen ein berechtigtes Interesse daran, dass Deklarationen möglichst zuverlässig sind.
Und wer für ein Produkt mehr bezahlt, weil darauf «natürlich», «frei von …», «hypoallergen» oder «non-toxic» steht, darf durchaus erwarten, dass diese Aussage mehr ist als dekorative Typografie.
Genau darin liegt vielleicht der spannendste Befund der Studie.
Nicht:
Überall lauert Gift.
Sondern:
Eine Zutatenliste erzählt möglicherweise nicht die ganze Geschichte.
Und das ist für Konsumenten schon problematisch genug.
Ich gehe duschen
Clara packte ihre Unterlagen zusammen.
Ich nahm die Shampoo-Flasche wieder in die Hand.
«Und? Kann ich das jetzt benutzen?»
Clara sah mich an.
«Du benutzt es seit drei Jahren.»
Ich dachte kurz nach. «Und?»
«Du bist noch da.»
Ich nickte.
«Das ist immerhin eine Langzeitstudie mit einem Teilnehmer.»
Hektor sass vor der Badezimmertür. Er hatte keinerlei Interesse an Shampoo.
Schliesslich hatte er sich heute Morgen bereits in einer Pfütze gewaschen.
Was ich daraus mitnehme – Alepposeife
Die neue Untersuchung ist kein Grund für Chemiepanik.
Sie zeigt aber etwas, das für Konsumenten durchaus relevant ist:
Zwischen dem, was auf einer Verpackung steht, und dem, was sich analytisch in einem fertigen Produkt nachweisen lässt, kann eine beträchtliche Lücke bestehen.
Ein nachgewiesener Stoff ist noch kein nachgewiesenes Gesundheitsrisiko.
Eine Werbeaussage sollte trotzdem stimmen.
Und vielleicht ist das Kleingedruckte auf der Rückseite doch interessanter als das grosse «NATURAL» auf der Vorderseite.
Was ich noch sagen wollte:
Wenn auf dem Shampoo 16 Zutaten stehen und das Labor 51 findet, ist die Zutatenliste offenbar eher eine Kurzfassung.
Für mich ist klar, ich bevorzuge künftig doch eher wieder Seife. Genauer Aleppo Seife. Für Haar und Körper. Die rückfettet so herrlich. Und wäscht den Schweiss zuverlässig runter.
P.S.
Die Zahlen im Beitrag stammen direkt aus der neuen peer-reviewten Studie in Environment & Health: 113 Produkte aus zwölf Kategorien, 98 % mit mindestens einer nicht deklarierten Verbindung, 85 % mit mindestens einer nicht deklarierten Verbindung mit bekannter oder vermuteter Gefahreneigenschaft und 29 Produkte mit Befunden, die Werbeaussagen widersprachen. Die Autoren betonen auch, dass die chemischen Identifikationen unterschiedliche Sicherheitsgrade hatten.