Was ich noch sagen wollte…
Ich stand vor einer Flasche Milch. Eigentlich kein ungewöhnlicher Vorgang.
Dann las ich, dass Forschende in Schweizer Rohmilch Chemikalien gefunden hatten, die mit Gummi in Verbindung stehen.
Ich stellte die Flasche wieder hin.
«Clara?» Sie kam. «Ja?»
«Ist Gummi neuerdings Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung?»
Sie schaute mich an.
So schaut Clara immer, wenn sie weiss, dass die nächsten zehn Minuten länger werden.
Hektor kam direkt hinterher. Milch interessiert ihn auch ohne Forschungsbericht.
Siebzehn Bauernhöfe
Forschende der EPFL haben zusammen mit Agroscope Rohmilch von 17 Schweizer Landwirtschaftsbetrieben untersucht. Gesucht wurde gezielt nach bestimmten Chemikalien, die unter anderem in Reifen und anderen technischen Gummiprodukten verwendet werden.
In sieben der 17 Milchproben wurde mindestens eine von vier untersuchten gummibezogenen Substanzen nachgewiesen. Vier verschiedene Stoffe fanden die Forschenden insgesamt in der Milch.
Das klingt zunächst nicht besonders appetitlich.
Und genau an dieser Stelle muss Clara bereits eingreifen.
Clara hat nachgesehen

Es wurden keine Gummistückchen in der Milch gefunden. Untersucht wurden chemische Verbindungen, die mit Gummimaterialien in Zusammenhang stehen. Die gemessenen Konzentrationen in der Rohmilch waren generell niedrig. Vor allem aber:
Aus dieser Studie lässt sich derzeit nicht ableiten, dass der Konsum dieser Milch gesundheitsschädlich ist.
Welche gesundheitliche Bedeutung eine langfristige Aufnahme dieser Stoffe über Lebensmittel haben könnte, ist bislang nicht geklärt. Die Studie war ausserdem klein. 17 Betriebe sind interessant. Aber sie sind nicht «die Schweizer Milch».
Das ist ein Unterschied, finde ich.
Zuerst dachte man an die Strasse
Die ursprüngliche Frage der Forschenden ist durchaus nachvollziehbar. Reifen verlieren beim Fahren Material. Dieses gelangt in die Umwelt. Über Luft, Wasser und Boden können Bestandteile davon auch auf landwirtschaftliche Flächen gelangen. Und Kühe leben bekanntlich nicht ausschliesslich auf Postkarten-Alpen. Viele Landwirtschaftsbetriebe befinden sich in der Nähe von Strassen.
Tatsächlich fanden die Forschenden in drei Proben von Alpbetrieben, die weit von stark befahrenen Strassen entfernt lagen, keine der untersuchten Substanzen. Damit könnte man die Geschichte eigentlich bereits beenden:
Reifenabrieb landet möglicherweise irgendwann in der Milch.
Nur tat die Wissenschaft etwas ausgesprochen Unhöfliches.
Sie schaute noch einmal genauer hin.
Dann kam der Schlauch
Die Forschenden untersuchten nämlich auch Gummiteile, die direkt bei der Milchproduktion verwendet werden.
- Schläuche.
- Dichtungen.
- Andere Gummikomponenten der Melktechnik.
Darin fanden sie 14 verschiedene gummibezogene Chemikalien.
Anschliessende Versuche zeigten ausserdem, dass sich Stoffe aus solchen Materialien herauslösen können. Damit bekam die Geschichte plötzlich eine zweite mögliche Quelle.
Nicht nur: Was kommt von draussen zur Kuh?
Sondern auch: Womit kommt die Milch nach der Kuh in Berührung?
Ich betrachtete meine Milchflasche.
Dann dachte ich an eine Melkmaschine.
«Früher fragte man Rohmilch oder pasteurisiert.»
Clara nickte.
«Heute frage ich: Welcher Schlauch hing an der Kuh?»
Hektor sah mich an.
Offenbar hielt er diese Frage für durchaus vernünftig.
War es also die Melkmaschine?
Nein.
Oder vielleicht.
Genauer wissen wir es noch nicht.
Und das ist der eigentlich interessante Teil dieser Geschichte.
Die Forschenden konnten keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Belastung der Milch und der Verkehrsintensität in der Umgebung der Betriebe feststellen.
Gleichzeitig zeigen ihre Untersuchungen, dass Stoffe aus Gummikomponenten der Melktechnik grundsätzlich in Kontaktmedien übergehen können.
Damit gibt es mindestens zwei plausible Wege:
Umwelt und Verkehr.
Oder Materialien in der Lebensmittelproduktion.
Vielleicht tragen beide etwas bei?
Welche Quelle wie wichtig ist, konnte diese kleine Studie nicht klären.
Der unsichtbare Teil unserer Lebensmittel
Und plötzlich gefiel mir die Geschichte.
Nicht wegen des Gummis. Sondern weil sie etwas zeigt, worüber ich beim Einkaufen kaum nachdenke.
Ein Lebensmittel besteht nicht nur aus dem, was auf der Zutatenliste steht.
Es hat auch eine Geschichte.
Es wurde geerntet.
Transportiert.
Gepumpt.
Gefiltert.
Gekühlt.
Abgefüllt.
Und auf diesem Weg berührt es Dinge.
Schläuche.
Behälter.
Dichtungen.
Maschinen.
Verpackungen.
Die meisten davon sollen möglichst wenig mit dem Lebensmittel machen.
Aber «möglichst wenig» und «gar nichts» sind wissenschaftlich betrachtet zwei verschiedene Dinge.
Clara nickte.
Endlich hatte ich etwas gesagt, das sie nicht korrigieren musste.
Muss ich jetzt meine Milch wechseln?
Nach heutigem Wissensstand gibt diese Studie dafür keinen vernünftigen Grund. Sie zeigt einen Forschungsbedarf. Keinen Milch-Notstand. Die gesundheitlichen Folgen der gefundenen Stoffe sind noch nicht geklärt, und die gemessenen Konzentrationen waren generell niedrig.
Die Forschenden wollen deshalb genauer untersuchen, wie sich die Konzentrationen über die Jahreszeiten verändern und wie viel unter realistischen Melkbedingungen tatsächlich aus Materialien in die Milch übergehen kann. Erst solche Untersuchungen können zeigen, wie relevant das Problem wirklich ist.
Das ist weniger spektakulär als:
GUMMI IN UNSERER MILCH!
Aber meistens ist Wissenschaft genau so. Sie findet etwas. Dann stellt sie fest, dass sie dadurch drei neue Fragen hat.
Hektor führt eine eigene Untersuchung durch
Während Clara und ich noch über Migration, Reifenabrieb und Lebensmittelkontaktmaterialien diskutierten, hatte Hektor inzwischen eine eigene Versuchsreihe begonnen. Er schnüffelte an der Milchflasche. Dann am Tisch. Dann an meiner Hand. Schliesslich setzte er sich vor den Kühlschrank.
«Und?», fragte ich.
Er sah mich an. Keine Reaktion. «Gummi?» Nichts. «Reifenabrieb?» Nichts.
Ich öffnete den Kühlschrank. Hektor stand auf.
Clara schrieb etwas auf ihren Block. «Was schreibst du?» «Versuchsleiter beeinflusst Ergebnis.»
Was ich daraus mitnehme
Die Studie beweist nicht, dass Schweizer Milch gefährlich ist. Sie beweist auch nicht, dass Reifenabrieb die Ursache ist. Und sie beweist nicht, dass die Melkmaschine schuld ist. Sie zeigt etwas viel Interessanteres:
Stoffe aus unserer technischen Umwelt können an Stellen auftauchen, an denen wir sie nicht unbedingt erwarten.
Und manchmal lohnt es sich deshalb, nicht nur zu fragen, was in einem Lebensmittel steckt.
Sondern auch:
Womit war es unterwegs in Berührung?
Ich trinke meine Milch weiterhin. Aber wenn ich künftig eine Kuh sehe, denke ich wahrscheinlich nicht zuerst an die Kuh. Ich denke an den Schlauch.
Was ich noch sagen wollte:
Früher fragte man: Rohmilch oder pasteurisiert?
Heute weiss ich: Manchmal beginnt die interessante Frage erst hinter der Kuh.
Die Zahlen hinter diesem Beitrag sind sauber abgesichert: Vier Zielsubstanzen wurden in der Rohmilch gefunden; mindestens eine davon in 7 von 17 Proben (41 %). In den untersuchten Gummikomponenten mit Milchkontakt fanden die Forschenden 14 entsprechende Chemikalien, und Laborversuche zeigten, dass Stoffe daraus freigesetzt werden können. Die Studie betont selbst ihre kleine Stichprobe und dass die Hauptquelle nicht bestimmt werden konnte. ScienceDirect Die EPFL weist zudem ausdrücklich darauf hin, dass die gesundheitlichen Auswirkungen derzeit unbekannt sind und weitere Untersuchungen folgen sollen. EPFL News
Für Yoast würde ich nehmen: Fokus-Keyphrase „Gummichemikalien in Schweizer Milch“, SEO-Titel „Gummichemikalien in Schweizer Milch: Woher kommen sie?“, Slug gummichemikalien-schweizer-milch und als Meta-Beschreibung: „Forschende fanden gummibezogene Chemikalien in Schweizer Rohmilch. Reifenabrieb oder Melktechnik? Onkel Friedrich und Clara schauen genauer hin.“
EPFL – Rubber-related chemicals in Swiss milk · Originalstudie in Food Chemistry: X
Und Hektors „Versuchsleiter beeinflusst Ergebnis“ würde ich diesmal unbedingt drinlassen. Der Lumpi hat schliesslich auf dem Titelbild schon verdächtig viel wissenschaftliches Interesse gezeigt. 😂🐕🥛