Psst! Die Pflanzen werden abgehört

Was ich noch sagen wollte … über Insekten, die beim Fressen erwischt werden.

Ich stand vor meinem Hochbeet. In der Hand hielt ich ein Mikrofon. Ein gutes, wie ich erwähnen möchte. Sowas braucht man doch einfach. Oder nicht?

Clara kam aus dem Haus. «Was machst du da?»
«Ich höre den Salat ab.»
Sie blieb stehen. «Warum?»
«Ich möchte wissen, wer daran knabbert.»
Clara betrachtete das Beet. «Friedrich, das ist Petersilie.»
Ich schaute noch einmal hin. Und her. «Siehst du! Schon die erste Falschinformation.»
Hektor kam dazu. Er schnüffelte an der Petersilie. Offenbar wollte er die Ermittlungen übernehmen.

Der Täter sitzt im Stängel

Aber ernsthaft: In Amerika arbeiten Forschende an einer ziemlich ungewöhnlichen Methode, um Schädlinge in Nutzpflanzen aufzuspüren. Sie befestigen winzige, empfindliche Mikrofone direkt an den Pflanzen. Und dann lauschen sie. Nicht auf Vogelgezwitscher. Nicht auf Wind. Sondern auf die kaum wahrnehmbaren Vibrationen, die Insekten verursachen, wenn sie fressen oder sich innerhalb einer Pflanze bewegen.

Das ist tatsächlich eine Art Lauschangriff. Und er hat sogar einen Namen: Insect Eavesdropper.
Auf Deutsch ungefähr: Insekten-Belauscher. Ich hätte ihn «Wanzen-Wanze» genannt. Clara fand das wenig hilfreich.

Warum muss man Insekten abhören?

Weil manche Schädlinge ausgesprochen geschickt sind. Sie sitzen nicht brav auf einem Blatt und warten darauf, fotografiert zu werden. Sie bohren sich in Stängel. Verstecken sich im Pflanzeninnern. Oder arbeiten unter der Erde. Wenn man den Schaden von aussen erkennt, haben sie möglicherweise bereits ganze Arbeit geleistet. In den USA untersuchen Forschende unter anderem einen Schädling, der sich in die Stängel von Sojapflanzen bohrt. Um ihn sicher nachzuweisen, muss man die Pflanze unter Umständen aufschneiden. Das ist für die Pflanze eine eher unangenehme Untersuchungsmethode.

Die neue Idee lautet deshalb:
Warum die Pflanze aufschneiden, wenn man dem Schädling beim Fressen zuhören kann?
Das gefiel mir. Vor allem der Teil mit dem Zuhören.

Ein Mikrofon an der Sojabohne

An der Kansas State University befestigen Forschende spezielle Sensoren an Sojapflanzen. Diese zeichnen über mehrere Tage die winzigen Vibrationen auf. Anschliessend werden die Pflanzen untersucht. So lässt sich vergleichen, welche Geräusche tatsächlich mit Insektenaktivität zusammenhängen. Und weil dabei gewaltige Mengen an Daten entstehen, kommt künstliche Intelligenz ins Spiel. Sie soll lernen, verdächtige Muster zu erkennen. Ein bisschen so, wie ein erfahrener Mechaniker hört, dass mit einem Motor etwas nicht stimmt. Nur dass es hier nicht um einen Motor geht. Sondern um einen Käfer, der gerade Mittagspause macht. Beziehungsweise keine Mittagspause. Er frisst ja.

Clara hat nachgesehen

Clara möchte an dieser Stelle drei Dinge klarstellen. Erstens: Die Pflanzen sprechen nicht.
Gemessen werden mechanische Schwingungen, die unter anderem durch Insekten entstehen.
Zweitens: Die Technik ist noch in der Entwicklung.

Die Forschenden testen, wie zuverlässig sich die Signale unter realen Bedingungen auf einem Feld erkennen und unterscheiden lassen. Das System ist noch kein bewiesener, überall einsetzbarer Schädling-Warner.

Drittens: Die Methode ersetzt nicht automatisch die Kontrolle durch Menschen. Noch nicht jedenfalls.
Sie könnte künftig Hinweise liefern, wo sich ein genauerer Blick lohnt. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Ein Mikrofon kann etwas Verdächtiges feststellen. Aber es sollte nicht gleich den ganzen Acker verhaften.
Ich fand, Clara übertrieb wieder einmal mit ihrer Genauigkeit. Sie fand, ich übertrieb mit meinem Mikrofon.
Wir einigten uns darauf, dass beide Beobachtungen zutreffen könnten.

Vielleicht brauchen wir irgendwann weniger Spritzmittel

Der Gedanke hinter der Forschung ist durchaus ernst. Wenn Landwirte frühzeitig erkennen, wo Schädlinge aktiv sind, könnten sie gezielter reagieren. Vielleicht muss dann nicht mehr vorsorglich eine grosse Fläche behandelt werden. Vielleicht genügt es, bestimmte Stellen genauer zu kontrollieren. Und vielleicht lassen sich Pflanzenschutzmittel dadurch sparsamer einsetzen.

Das ist allerdings ein mögliches zukünftiges Ergebnis – noch kein nachgewiesener Nutzen im landwirtschaftlichen Alltag.

Auch Fehlalarme, Wind, Regen und andere Störgeräusche dürften bei solchen Messungen eine Rolle spielen. Ich stellte mir vor, wie eine künstliche Intelligenz mitten in der Nacht Alarm schlägt.
«Verdächtige Aktivität in Reihe sieben!» Der Bauer steht auf. Fährt hinaus. Und findet eine Grille, die sich am Mikrofon warmgesungen hat. Clara sagte, das sei kein dokumentierter Versuch. «Noch nicht», antwortete ich.

Die Natur ist offenbar lauter, als wir denken

Was mich an dieser Geschichte besonders fasziniert, ist etwas anderes.
Wir Menschen betrachten die Natur hauptsächlich mit unseren Augen. Wir sehen Blätter. Blüten. Insekten. Frassspuren. Aber unter dieser sichtbaren Oberfläche passiert offenbar noch sehr viel mehr. Winzige Bewegungen. Vibrationen. Signale, die wir ohne technische Hilfe überhaupt nicht wahrnehmen. Vielleicht ist unser Garten gar nicht so still, wie er aussieht. Vielleicht sind wir einfach nur schlechte Zuhörer.

Ich betrachtete meine Petersilie. Dann Hektor. Der hatte inzwischen aufgehört zu schnüffeln.
Er sass vor dem Hochbeet und beobachtete etwas sehr konzentriert. «Hektor, hast du etwas gefunden?»
Keine Reaktion. «Einen Schädling?» Nichts. Dann bewegte sich ein Käfer unter einem Blatt. Hektor sprang auf. Ich ebenfalls. Clara sah uns beide an. «Friedrich, das war ein Marienkäfer.» Ich legte das Mikrofon weg.

Die Ermittlungen wurden vorläufig eingestellt.


Was ich daraus mitnehme

Forschende entwickeln eine Technik, mit der sich versteckte Schädlinge anhand winziger Vibrationen in Pflanzen erkennen lassen könnten. Dafür kombinieren sie empfindliche Sensoren mit künstlicher Intelligenz. Das könnte eines Tages helfen, Pflanzen früher und gezielter zu schützen.

Noch ist vieles zu untersuchen.
Aber die Idee gefällt mir.

Nicht immer muss man etwas auseinandernehmen, um herauszufinden, was darin vorgeht.
Manchmal genügt es vielleicht, genauer hinzuhören. Ich werde mein Hochbeet jedenfalls künftig mit etwas anderen Augen betrachten. Oder Ohren. Hektor übrigens auch. Allerdings vermute ich, dass er weniger an den Insekten interessiert ist als an dem, was sie fressen.

Was ich noch sagen wollte:

Früher habe ich mit meinen Pflanzen gesprochen.
Heute höre ich sie ab.
Clara meint, das sei ein Fortschritt.
Hektor meint, ich solle die Petersilie in Ruhe lassen.

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