Wenn Honigbienen zu Raufbolden werden

Was ich noch sagen wollte…
Über fleissige Bienen, vertriebene Nachbarn und Streit im Blumenbeet.

Ich sass im Garten und beobachtete eine Honigbiene. Sie flog von Blüte zu Blüte. Sammelte Nektar. Verschwand. Kam wieder.
«Clara», sagte ich, «wenn alle so fleissig wären wie die Bienen, hätten wir keine Probleme.»
Clara schaute von ihrem Buch auf.
«Friedrich, hast du gewusst, dass Honigbienen andere Insekten von den Blüten vertreiben?»

Ich betrachtete meine Biene. «Die da?» «Zum Beispiel.» «Aber die sieht doch so friedlich aus!»
«Das tun manche Leute im Supermarkt auch. Bis nur noch ein einziges Sonderangebot übrig ist.»
Ich musste lachen. Hektor nicht.
Er hatte eine Hummel entdeckt und verfolgte ihren Flug mit einer Aufmerksamkeit, die ich mir gelegentlich auch beim Rückruf wünschen würde.

Im Blumenbeet herrscht nicht immer Frieden

Wir mögen Honigbienen. Und das aus gutem Grund. Sie bestäuben Pflanzen, produzieren Honig und gehören seit Jahrtausenden zu unserem Leben. Wir stellen ihnen sogar eigene Häuser zur Verfügung. Bienenstöcke. Mit Dach, Eingang und Vollpension in der Umgebung. Was wir dabei manchmal vergessen: Auf den Blumenwiesen leben noch viele andere Insekten: Hummeln. Wildbienen. Schwebfliegen. Schmetterlinge. Sie alle brauchen Nahrung. Und die gibt es nicht unbegrenzt. Wenn viele Tiere dieselben Blüten besuchen, kann es eng werden. So weit, so verständlich.

Doch Forschende aus England haben jetzt etwas beobachtet, das mich überrascht hat.
Honigbienen warten nicht immer brav, bis eine Blüte frei wird.
Manchmal sorgen sie selbst dafür.

93 Stunden im Blumenrestaurant

Ein Forschungsteam der Anglia Ruskin University beobachtete während zweier Jahre die Blütenbesucher an fünf Standorten rund um Cambridge. Insgesamt verbrachten die Forschenden 93 Stunden damit, den Insekten bei der Nahrungssuche zuzusehen. Untersucht wurden vor allem Brombeerblüten und blühender Efeu. Beides beliebte Restaurants für Insekten. Die Wissenschaftler dokumentierten rund 300 Begegnungen zwischen verschiedenen Blütenbesuchern.

Dabei interessierte sie besonders eine Frage:
Wer bekommt die Blüte – und wer muss weichen?
Manchmal teilten sich die Tiere das Angebot friedlich.
Manchmal wich eines aus.
Und manchmal wurde es ziemlich ungemütlich. Honigbienen landeten auf anderen Insekten, drängten sie zur Seite oder verfolgten sie regelrecht von den Blüten.

Ich stellte mir vor, wie eine Hummel gemütlich ihren Nektar trinkt. Plötzlich erscheint eine Honigbiene. «Besetzt!» «Aber ich war zuerst hier!» «Nicht mehr.» Und weg ist die Hummel.
Clara sah mich an.
«Friedrich, Bienen führen keine solchen Gespräche.»
«Das erklärt vielleicht, weshalb sie sich nicht einigen können.»

Die Zahlen sind erstaunlich

Die Honigbienen gingen bei den beobachteten Begegnungen besonders häufig als Gewinnerinnen hervor.
Auf Brombeerblüten vermieden andere Insekten in rund 28 Prozent der untersuchten Begegnungen den Kontakt mit Honigbienen. Beim Efeu waren es sogar etwa 36 Prozent. Und bei mindestens jeder fünften von Honigbienen gewonnenen Begegnung hatten diese ihre Konkurrenten körperlich verdrängt oder verfolgt.

Noch etwas fiel auf:
Wo besonders viele Honigbienen unterwegs waren, fanden die Forschenden tendenziell weniger andere Blütenbesucher. Auf Brombeerblüten war eine Verdoppelung der Honigbienendichte mit ungefähr 14 Prozent weniger Hummeln verbunden.

«Vierzehn Prozent!», sagte ich.
«Friedrich, das ist ein statistischer Zusammenhang», erklärte Clara.
«Also kein Beweis, dass die Honigbienen sämtliche Hummeln vertrieben haben?»
«Genau.» Ich nickte.

«Aber ein ziemlich deutlicher Hinweis, dass im Blumenrestaurant nicht alle gleich gut bedient werden.»
Damit war Clara einverstanden.

Eine kleine Biene wehrt sich

Jetzt kommt mein Lieblingsteil.

Unter den beobachteten Insekten gab es nämlich eine, die sich von den Honigbienen nicht so leicht einschüchtern liess. Die Efeu-Seidenbiene. Eine Wildbiene, die besonders gerne Efeublüten besucht. Sie ist keine staatenbildende Honigbiene, sondern lebt als Einzelgängerin. Und offenbar hat sie ein bemerkenswertes Selbstbewusstsein. Die Forschenden beobachteten, wie diese Wildbienen Honigbienen ihrerseits von den Blüten verdrängten oder verfolgten. Ich war begeistert.

«Clara, das ist ja David gegen Goliath!»
«Es handelt sich um Konkurrenzverhalten zwischen Insekten.»
«Natürlich. Aber mit einem erfreulichen Ausgang für David.»

Hektor hob den Kopf. Bei seinem Namen war zwar niemand angekommen, aber offenbar hatte er das Wort David mit einem möglichen neuen Spielkameraden verwechselt. Ich erklärte ihm, dass wir heute keine Bienen jagen. Er legte sich wieder hin. Allerdings nicht besonders überzeugt.

Clara hat nachgesehen

Clara bestand darauf, dass wir die Honigbiene jetzt nicht zur Bösewichtin erklären. Und sie hat recht.
Die Untersuchung zeigt, dass Honigbienen an den untersuchten Standorten häufig andere Blütenbesucher verdrängten. Sie beweist aber nicht, dass Honigbienen überall und unter allen Bedingungen die Wildbienenbestände schädigen. Auch sagt sie noch nichts darüber aus, wie stark solche Begegnungen langfristig die Fortpflanzung und das Überleben anderer Arten beeinflussen. Die Studie wurde an fünf Standorten in England durchgeführt. Und sie untersuchte bestimmte Blütenpflanzen.

Die Honigbiene ist also nicht grundsätzlich böse. Sie ist eine erfolgreiche Nahrungssammlerin, die ihre Interessen gelegentlich ziemlich energisch durchsetzt.

Ein weiterer Punkt ist wichtig:
Die Forschenden wollen mit ihrer Arbeit die Imkerei nicht schlechtmachen. Sie möchten besser verstehen, wie Honigbienen und wildlebende Bestäuber miteinander auskommen können. Besonders dort, wo viele Bienenstöcke stehen. Und wo das Blütenangebot begrenzt ist.

«Siehst du, Friedrich», sagte Clara, «es geht nicht darum, weniger Bienen zu mögen.»
«Sondern darum, mehr Bienen zu verstehen?»
«Genau.»
Das gefiel mir.

Wenn es wärmer wird, könnte der Streit zunehmen

Die Forschenden machten noch eine interessante Beobachtung. Bei höheren Temperaturen kam es häufiger zu Konkurrenzsituationen. Das könnte mehrere Gründe haben. Honigbienen werden bei Wärme besonders aktiv. Gleichzeitig können Hitze und Trockenheit dazu führen, dass Pflanzen weniger Nektar anbieten. Mehr hungrige Gäste. Weniger auf dem Buffet. Ich kenne das von Familienfesten. Wenn der letzte Kuchen angeschnitten wird, sollte man besser nicht zu lange überlegen.

«Friedrich!»
«Ja, Clara?»
«Bitte vergleiche nicht jedes wissenschaftliche Ergebnis mit einem Kuchenbuffet.»
«Aber es funktioniert erstaunlich oft.»

Was wir im Garten tun können

Ich schaute wieder auf meine Blumen. Eine Honigbiene sass auf einer Blüte. Daneben landete eine Hummel. Diesmal geschah nichts. Beide flogen nach einer Weile weiter. Es geht also auch friedlich. Und vielleicht können wir dabei ein wenig helfen. Indem wir für ein vielfältiges Blütenangebot sorgen. Nicht nur im Frühling. Sondern möglichst vom zeitigen Frühjahr bis in den Herbst.

Heimische Wildpflanzen sind dabei besonders wertvoll, weil viele spezialisierte Wildbienen auf bestimmte Pflanzen angewiesen sind. Auch geeignete Nistplätze helfen. Offene Bodenstellen. Markhaltige Pflanzenstängel. Ungestörte Ecken. Und natürlich möglichst wenig unnötige Pflanzenschutzmittel. Eine einzelne Blume wird den Konkurrenzkampf nicht lösen. Aber ein vielfältiger Garten bietet mehr Möglichkeiten für unterschiedliche Besucher. Ich beschloss, im nächsten Jahr noch mehr Blumen zu pflanzen.
Clara nickte zufrieden. «Das ist eine gute Idee.»
«Siehst du! Manchmal ist Wissenschaft ganz einfach.»

Und Hektor?

Hektor hatte inzwischen seinen Beobachtungsposten gewechselt. Er lag mitten im Gartenweg. Eine Hummel näherte sich. Sie umflog seinen Kopf. Hektor öffnete ein Auge. Die Hummel flog weiter. Keine Verfolgung. Kein Gerangel. Kein Streit.

«Clara, schau! Hektor ist offenbar friedlicher als die Honigbienen.»
«Vielleicht hat er einfach keinen Hunger.»

Ich betrachtete meinen Hund. Dann ging ich ins Haus und holte Brekkies, Guddeli.
Hektor stand augenblicklich auf. Die Hummel war vergessen. Das Brekkies nicht.
Clara schüttelte den Kopf.
«Friedrich, du hast gerade das Verhalten deines Versuchstiers verändert.»
«Nein, Clara. Ich habe ihm bloss eine Alternative angeboten.»

Hektor verschlang mehr als ein Brekkie.

Damit war auch diese Konkurrenzsituation entschieden.


Was ich daraus mitnehme

Eine neue Untersuchung aus England zeigt, dass Honigbienen andere Blütenbesucher häufiger verdrängen, als man vielleicht erwarten würde. Sie können Wildbienen, Hummeln und Schwebfliegen beim Nahrungssammeln behindern. Das bedeutet nicht, dass Honigbienen unsere Feinde sind. Aber es erinnert uns daran, dass die Natur komplizierter ist als unsere Vorstellung vom friedlichen Blumenbeet. Nicht jede Biene ist eine Honigbiene. Nicht jede Wildbiene lebt in einem Bienenstock. Und nicht alle haben dieselben Bedürfnisse. Wenn wir etwas für unsere Bestäuber tun möchten, sollten wir deshalb nicht nur an Honig denken. Sondern auch an diejenigen, die keinen produzieren.

Die Honigbiene ist fleissig.
Die Wildbiene auch.
Und wenn sich beide um dieselbe Blüte streiten, hilft vielleicht eine ganz einfache Idee:
Mehr Blumen statt mehr Streit.

Hektor findet übrigens, dass dieses Prinzip auch für Brekkies gelten sollte.

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